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11. Bezirk, Simmering

Simmering, der im Osten der Stadt gelegene Randbezirk, ist ein klassischer Arbeiter- und Industriebezirk. Wohl alle WienerInnen wissen, dass hier der Zentralfriedhof und das Krematorium angesiedelt sind, man kennt die Simmeringer Hauptstraße und vielleicht auch die Simmeringer Heide. Wohl weniger bekannt ist, dass durch Simmering die Aspangbahn führt, eine Eisenbahnlinie, die Ende des 19. Jahrhunderts als Großprojekt geplant war und von Wien nach Saloniki führen sollte. Auf alten Kilometersteinen findet man noch heute W.S.B. eingraviert: Wien-Saloniki-Bahn. Sie wurde 1881 von der „Austro-Belgischen Eisenbahngesellschaft“ mit belgischen Kapital errichtet, allerdings nur bis Aspang. Heute ist sie eine Teilstrecke der ÖBB.

Zur Geschichte im Detail:
Am 1. Jänner 1892 wurden im Zuge der zweiten Stadterweiterung die Vorortgemeinden Simmering und Kaiser-Ebersdorf sowie kleine Teile von Schwechat und drei Häuser des Ortes Kledering sowie ein Teil von Albern zum 11. Wiener Gemeindebezirk „Simmering“ zusammengeschlossen.

Mehr als 300 Jahre wurde Bier gebraut
Der Ort Simmering, 1028 erstmals erwähnt, ist an den Rand einer Stadtterrasse gebaut. Der Name Simmering erfährt in der Folge verschiedene und urkundlich belegte Schreibweisen (Simmanin, Simoning, Symaningen, Symanin). Es scheint sich hier um ein ansässiges Landadelsgeschlecht gehandelt zu haben, das erst mit Eberhard von Simoning um 1400 nicht mehr nachweisbar wird. Der Ortskern im Bereich der heutigen Kobelgasse entwickelte sich um die erstmals 1267 erwähnte Pfarrkirche. Nach schweren Schäden durch die Türkenbelagerungen wurde sie 1746-1747 von Matthias Gerl umgebaut. Hinter der Kirche liegt der Simmeringer Friedhof. Seit 1605 gab es in Simmering ein Brauhaus, das im Thurnhof in der heutigen Mautner-Markhof-Gasse 40 eingerichtet war. 1638 erwarb das Himmelpfortkloster die Herrschaft und 1677 auch die Brauerei. 1822 kaufte der Braumeister Georg Meichl den Betrieb, und seine Familie braute hier fast hundert Jahre das in Wien sehr beliebte Märzenbier. 1913 wurde die Brauerei Simmering mit dem Brauimperium Mautner-Markhof fusioniert. 1930 wurde das Simmeringer Brauhaus stillgelegt.

Großstadtausbau im Dorf
1860 war Simmering noch ein Dorf. Dennoch entstand entlang der Simmeringer Hauptstraße 1861 und 1865 eine große Wohnhausanlage, die sogenannten "Rinnböckhäuser", die damals zweitgrößte Wohnhausanlage Wiens. Ab 1880 begann ein rascher, typisch peripherer Großstadtausbau, der bis heute kein einheitliches Stadtbild ergeben hat. Die wegen ihrer Unwirtlichkeit bekannte Simmeringer Heide erstreckt sich von der Ostseite des Ortes bis zum heutigen Donaukanal und diente der Wiener Garnison als Schießübungsplatz.
Seit 1827 hielt der 1826 gegründete Reitverein auf der Heide Pferderennen ab, die wegen der schlechten Bodenverhältnisse 1862 in die Freudenau verlegt wurden. In der Ära Lueger wurde entlang der Erdberger und Simmeringer Lände das Wiener Städtische Gas- und Elektrizitätswerk (1879-1899 bzw. 1902) errichtet, dessen Bauten, die so genannten „Gasometer“, heute zu den Höhepunkten der Industriearchitektur zählen. Daneben entwickelten sich in diesem Teil der Simmeringer Heide viele Industrieanlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Bauabschluss des Kaiser-Ebersdorfer Sammelkanals die Voraussetzung für den großzügigen Wohnhausbau auf der Simmeringer Heide und im angrenzenden Kaiser-Ebersdorf geschaffen.
Ebersdorf, wo der Sultan residierte

Der Ort Ebersdorf, Sitz des mächtigen Herrengeschlechtes der Ebendorfer, das auch eine gewisse Zeit das Erbkammeramt innehatte, wurde erstmals gegen 1125 urkundlich erwähnt. Es lag bereits außerhalb der Heide im wildreichen Augebiet der Donau; so war der Hof hier oft zur Jagd. Kaiser Maximilian I. ließ 1499 den alten Herrensitz Ebersdorf zu einem landesfürstlichen Jagdschloss umgestalten. Während der Türkenbelagerung 1529 residierte hier angeblich Sultan Süleyman. 1683 wurde das Jagdschloss zerstört und nach Plänen Ludovico Burnacinis wiederhergestellt. Maria Theresia schenkte es schließlich dem Pfarrer von Ebersdorf als Armenhaus. Heute befindet sich im Schloss eine Strafvollzugsanstalt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ließ Maximilian II. nahe dem Jagdschloss Ebersdorf und seinem Tierpark (der ersten "Menagerie" der Neuzeit mit exotischen Tieren) einen weiteren Tierpark einrichten und daneben das sogenannte "Neugebäude" (im Gegensatz zum alten Jagdschloss) errichten. Die prachtvolle Villa Suburbana, das größte Bauwerk der Renaissance nördlich der Alpen, verfiel jedoch bald.

Auf einem Teil des Parkareals errichtete Clemens Holzmeister 1922/23 das Krematorium des Zentralfriedhofs.
Direkt an der Stadtgrenze liegt nahe der Mündung der Schwechat in die Donau der kleine Ort Albern, urkundlich bereits 1162 erstmals genannt. Albern hatte immer wieder schwer unter Überschwemmungen zu leiden und wandte sich oftmals, meist vergeblich, an die Regierung um Hilfe. 1775 und 1793 musste die Siedlung sogar in Richtung Schwechat verlegt werden.

Am 15. Oktober 1938 wurde der außerhalb Wiens verbliebene Teil Alberns dem damaligen 23. Bezirk Schwechat zugeordnet, 1952 dagegen dem 11. Wiener Gemeindebezirk angegliedert, um den Verbleib der Erdölraffinerie in der sowjetischen Besatzungszone zu sichern. Nach Abschluss des Staatsvertrags kam auch der Rest Alberns zum 11. Bezirk. In der nationalsozialistischen Ära sollte bei Albern ein Teil des geplanten Großhafens Wien entstehen, und zwar der Getreideumschlagplatz. Die Hafenanlagen blieben aber ein Torso. Heute befindet sich nahe dem Frachtenbahnhof am so genannten Sauhaufen der "Friedhof der Namenlosen", 1854 zunächst außerhalb der Dämme errichtet und daher nicht vor Überflutung geschützt. Er diente der Aufnahme unbekannter Toter, die der Fluss hier an Land schwemmte. 1899 wurde er hinter die Dämme verlegt und ist mit seiner kleinen Kapelle im allgemeinen vor Überflutungen sicher. Seit 1940 wird er nicht mehr belegt.

Es lebe der Zentralfriedhof
Nach langem und unerquicklichem Kampf im Wiener Gemeinderat wurde 1874 endlich der Zentralfriedhof feierlich eröffnet. Die gewaltige Anlage auf einer Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern ist Ruhestätte für Hunderttausende Tote. Ein Spaziergang durch den Friedhof bietet für BesucherInnen eine Auswahl künstlerisch bedeutender Grabstätten, vor allem in der Abteilung der Ehrengräber der Stadt Wien und auch in der ersten Israelitischen Abteilung, die nicht mehr belegt wird. Die Dr.-Karl-Lueger-Gedächtnis-Kirche, 1908 bis 1910 von Max Hegele erbaut, ist eine der Otto-Wagner-Kirche am Steinhof verwandte Jugendstilkirche.
Der Zentralfriedhof erstreckt sich zwischen Ostbahn und Simmeringer Hauptstraße bis nahe an die Stadtgrenze. Hier liegen die Zentralwerkstätte der Wiener Verkehrsbetriebe und der neue Zentralverschiebebahnhof. Drei Häuser von Kledering wurden ebenfalls nach Wien-Simmering eingemeindet. In Kledering, das ursprünglich dem Himmelpfortkloster gehörte, befand sich einst die Wasenmeisterei, in der jeden Abend die in Wien eingesammelten Tierkadaver und eingefangenen streunenden Hunde und Katzen zur Vertilgung gebracht wurden. Der kleine Ort kam 1938 an den 23. Bezirk Liesing, wurde jedoch 1954 wieder an Niederösterreich abgegeben, und zwar an die Stadtgemeinde Schwechat, von der ebenfalls ein kleiner Teil dem Bezirk Simmering angehört, und zwar "Klein-Schwechat" entlang der Baudißgasse.
 

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Essay

Friedhof der Namenlosen

Schmächtige und Stämmige trieben ans Ufer

Paradox: Aus der unermüdlichen Textfabrik des Verlegers und Publizisten Gerald Grassl wird e i n Simmeringer Titel nach dem anderen auf den Buchmarkt geworfen. Aber nach der Schließung des Buchladens «Freudensprung» besitzt der 11. Bezirk, immerhin eine 100.000-Einwohnerstadt, keine Buchhandlung mehr, die die mit Simmeringer Geschichten gefüllten Bände ins Schaufenster stellen könnte.

So viele Bücher für so wenig Lesende? Der Widerspruch hat Methode. Grassl hätte mit seiner grundsätzlichen und leidenschaftlichen Parteilichkeit für Opfer keinen anderen Bezirk Wiens finden können, der wie Simmering unter dem Mythos der Gewalt, dem Stigma der Bedeutungs- und Gesichtslosigkeit leidet, der fast flächendeckend eine Konglomeration von Unorten darstellt und dessen Alpha & Omega zwei Friedhöfe spielen, der kleinste und der größte in Wien. So liebevoll diese Totenstädte in der von Grassl ausgewählten Literatur beschrieben werden (Beispiele: Theodor Kramer über den Friedhof der Namenlosen, Franz Werfel über den Zentralfriedhof), so schwer fällt es manchmal den Schöpferischen, Liebenswertes in der Stadt dazwischen auszumachen, die nicht viel mehr ist als die ungeraden und die geraden Nummern entlang der Simmeringer Hauptstraße.

Selbst Simmering-Fan Gerald Grassl nahm sie zunächst als hässlichste aller Hauptstraßen Wiens wahr. Offensichtlich ist vor einem Jahrhundert nicht viel besser über sie gedacht worden. «Die Simmeringer Hauptstraße ist die traurigste Straße Wiens», meint Alfred Polgar – klar, sie beginnt ja mit einer Kaserne und endet am Zentralfriedhof. «Sie ist lang, entsetzlich lang. So lang wie eine schlaflose Nacht. So lang wie das vergebliche Warten auf einen geliebten Menschen. So lang wie die Zeremonien vorm Galgen. Die Simmeringer Hauptstraße hört nicht auf. Sie ist eine chronische Straße. Sie ist der ausgezogene, langgestreckte Darm der Stadt. Wenn der Wiener Fäkalie geworden ist, muss er durch.»

Die Simmering-Bände – drei von voraussichtlich sechs sind erschienen – sind Produkte der «edition tarantel», und diese wiederum ist ein Projekt des von Gerald Grassl geleiteten Vereins «Werkkreis Literatur der Arbeitswelt». Mangels Buchhandlungen – und laut Grassl auch wegen des «enttäuschenden Interesses der Bezirksvertretung und des Bezirksmuseums» – finden sie nicht die optimale Verbreitung im Bezirk. Herausgeber Gerald Grassl legt Wert auf die Feststellung, dass sein Projekt keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebe: «Ich glaube eine gewisse Skepsis der historischen Zunft gegenüber meinem Buchprojekt zu verspüren. Aber ich habe immer gesagt, ich bin kein Historiker, sondern ein unsystematischer Sammler von Märchen, Sagen und Geschichten.» Der Inhalt der ersten drei Bände ist eine wilde Mischung von Grassls Gesprächen und Interviews mit Personen aus dem Grätzl, historischen Dokumenten (vieles davon aus dem Schatz des 2009 verstorbenen Historikers Herbert Exenberger und einiges aus dem Bezirksmuseum), Sagen mit Simmering-Bezug und Stellen aus der Literatur, in denen Grassl ebenfalls Bezüge zum elften Wiener Gemeindebezirk fand. Diese Bezüge erschlossen sich oft erst nach geradezu detektivischer Arbeit. LiebhaberInnen drastischer Formulierungen könnte man den bezirksfremden – aus Tirol stammenden und in der Leopoldstadt wohnenden – Sammler als eine Art Rächer erniedrigter Orte empfehlen: Man hat in jedem Abschnitt der drei Bände das Gefühl, als würde Grassl versuchen, einem Bezirk Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der zu Unrecht von schlechtestem Image gebeutelt ist.

So sehr der Bezirk insgesamt (nicht von Grassl!) schlechtgeredet wird, so liebevoll werden die beiden ungleichen Friedhöfe des 11. Bezirks behandelt – der Zentralfriedhof mit seinen 330.000 Grabstellen und der Friedhof der Namenlosen mit seinen ungefähr 500 Toten. In das Wien-Image, das von der Stadt-PR gepflegt wird, sind diese beiden «Gottesäcker» stark integriert – auch die gut gebildeten Mittelschichten Chinas, Taiwans und Südkoreas fragen sich zu den Friedhöfen durch, wenn sie der Stadt der «schönen Leichen» einen Besuch abstatten. Ein gut gebildeter deutscher Tourist wollte mir weiß machen, dass man in Deutschland die Pointe folgenden Bonmots nicht ganz verstehe – Sagt einer: «Weißt, wer g'storben is'?» Antwortet der andere: «Mir is' jeder recht.» Klischees kann man ja bekämpfen, wo immer man auf sie stößt; möglicherweise zählt die Aussage, nirgends sonst würde man so lachen über das zitierte Bonmot als in Wien, ebenfalls zu diesem Klischee vom besonderen Verhältnis der WienerInnen zum Tod. Wer über solche vermeintliche Ressentiments schmunzelt, gerät aber leicht in einen Erklärungsnotstand, weil er ja Orte wie den Friedhof der Namenlosen nicht befreien kann von ihrer Funktion, so etwas wie Wiener Identität zu stiften. Er taucht in Filmen auf, wie in «Angeschwemmt» von Nikolaus Geyrhalter oder in einem amerikanischen Film, der Mitte der 90er Jahre in Wien gedreht wurde. Der kleine, mystische Friedhof war einer der Schauplätze. «Before Sunrise» hieß die Liebesgeschichte um einen Amerikaner und eine Französin; sie spazieren durch die Gräberreihen, an die sich die junge Frau erinnert. Sie war schon einmal hier, als Kind, und damals habe sie dieser Friedhof «mehr beeindruckt als jedes Museum, in dem wir waren.». Er taucht auch im Kabarett auf (Gröll&Groebner: «Am Alberner Hafen wirst du deine Sorgen los») – und in der Literatur sowieso. Bei folgendem Gedicht von H. C. Artmann muss man Nicht-WienerInnen zumindest das Wort «oewan» erklären. Es ist die Artmannsche Schreibweise von Albern, dem ehemaligen Fischerort, heute jener Teil des 11. Wiener Gemeindebezirks, in dem der Friedhof der Namenlosen zu finden ist.

dod en wossa
waun s me aussezan
waun s me aussezan
aus da donau
untan wintahofm
bei oewan . . .


Dem österreichischen Dichter Theodor Kramer ist der Mythos des Friedhofs auch nicht entgangen:

Wo sich der Strom von der Stadt in die Ebene kehrt
und sie die Straße, mit Pappeln bestanden, durchquert,
sieht aus der Senke der ärmliche Friedhof hervor;
grau ist die niedrige Mauer, verrostet das Tor.

Grau sind die Holzkreuze, die auf den Grabhügeln stehn,
keinerlei Inschriften sind in den Reihen zu sehn;
wie sie das Wasser an Land warf und wie man sie traf,
schlafen sie namenlos alle den ewigen Schlaf.

Schmächtige trieben ans Ufer und Stämmige auch,
wächserne Mädchen und Frauen mit schwangerem Bauch;
was war ihr Trachten, wer stützte, was trieb sie und wer?
Sei´s wie es sei, sie bedrängte das Leben zu sehr.

Schartiges Gras, wie es kieslig am Strom vieles gibt,
den sie einst suchten und der sie im Tode noch liebt,
ziert ihre dürftigen Gräber beständig und rau;
heiser nur grüßt sie ein Kormoranschrei aus der Au.

Einmal vielleicht hält ein Bauer und spricht ein Gebet,
eh er den Pflug wendet. Über die Gräberreihn weht
kühl es vom Strom her; für viele ist Platz noch, und matt
schimmert die Flut, die sie anschwemmt, und drüben die Stadt.

Eine der poetischen Hommagen an den Friedhof findet man am Ort selbst: ein Gedicht des Grafen Wickenburg:
Tief im Schatten alter Rüstern,
Starren Kreuze hier am düstern
Uferrand.

Aber keine Epitaphe,
Sage uns wer unten schlafe.
Kühl im Sand.

Still ist's in den weiten Augen.
Selbst die Donau ihre blauen
Wogen hemmt.

Denn sie schlafen hier gemeinsam,
Die, die Fluten still und einsam,
Angeschwemmt.

Alle die sich hier gesellen,
Trieb Verzweiflung in der Wellen
Kalten Schoß.

Drum die Kreuze die da ragen,
Wie das Kreuz das sie getragen,
«Namenlos».

In diesen Klub der Friedhofsdichter wollte ich mich auch selber hineinreklamieren, indem ich zur Melodie des Frank Sinatra-Klassikers «Strangers in the night» Wienerische Reime verfasste, die an das Alberner Original, den Friedhofswärter Josef Fuchs erinnern sollten. Er kümmerte sich um Leichen anonymer Selbstmörder, um die sich die katholische Kirche lange Zeit nicht sorgte, weil für sie der Freitod eine der größten Sünden ist. Der alte Fuchs, der letzte Totengräber Alberns, kümmerte sich auch nach seiner Pensionierung noch um die Gräber, bis er im Frühling 1996 im Alter von 90 Jahren starb; sein Sohn setzt ehrenamtlich die Pflegearbeit fort. Fairer Weise sollte erwähnt werden, dass MusikerInnnen, denen ich meinen Friedhof-der-Namenlosen-Song anbot, nicht viel von der Singbarkeit dieser Neuvertextung des Sinatra-Ohrwurms hielten.

augschwemmd in da nochd / aum dog vo mia (r) aus
augschwemmd wiara woi / weid weg vom wiaddshaus
augschwemmd ohne naum / und ohne firaschein

hosd an obgaung draad / an debbrimiaddn
hosd an seavas gmochd / kan moddiwiaddn '
hod die donau gloggd / komm doch zu mir herein

haamdraad hosd du di / gaunz söwa haamdraad sogd a
haamdraad hosd du di / da pfoff is granddig, denn weu
wer si beulisiert / kummd ned in zenträu
derf ned in an hoizpidschama
derf ned zu de aundan baana

oida friedhofs-fuchs / da pfoff soi redn
wer de bodschn schdreggd / der griagd an segn
bebbal hod a heaz / fia jede leich a gruam

wea an obgaung mochd / weu er den trend kennd
wea ins wossa gehd / dass er ned midrennd
wea ned foisch sei kau / in dera foischn wöd

haamdrann kauna si / gaunz söwa haamdrahn
und a keazzn griagd a gschdifd, de kummd vom heazzn, nämlich
wer si beulisiad / sogd da bebbi fuchs
hod in oiban bleiberecht
hoizpidschamaschlafgerecht...


Der Friedhof der Namenlosen befindet sich beim Alberner Hafen, dort wo das Auwald- und Wiesengebiet an den Hafen grenzt. Er ist nur durch das wenig malerische Areal des Hafens zugänglich. Hier sind Menschen begraben, die im Zeitraum von 1845 bis 1940 im Hafenbereich von der Donau angeschwemmt worden sind. Von vielen weiß man weder den Namen, noch wie sie gestorben sind. Bei anderen wurde die Identität nachträglich geklärt. Durch einen Wasserstrudel der Donau wurden an dieser Uferstelle – mit anderem Treibgut – immer wieder auch Wasserleichen angeschwemmt. Nach offiziellen Quellen fand die letzte Beerdigung im Jahr 1940 statt. Der stillgelegte Friedhof der Namenlosen wird heute vom Hafen Wien sowie der Stadt Wien erhalten.

Der erste Sonntag nach Allerheiligen ist ein gutes Datum für einen Friedhofsbesuch. Am Nachmittag dieses Tages versammeln sich die Mitglieder des Fischervereins Albern, um ein von ihnen gebautes Floß, geschmückt mit Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen, zu Wasser zu lassen. Auf dem Floß befindet sich ein symbolischer Grabstein mit der Inschrift «Den Opfern der Donau» und der in den Sprachen Deutsch, Tschechisch und Ungarisch verfassten Bitte, das Floß, wenn es am Ufer hängen bleiben sollte, einfach weiterzustoßen. Der Prozessionszug zieht zum Ufer der Donau hinunter, begleitet von einer Musikkapelle. Mit einer Holzzille bringen die Fischer das Floß in die Mitte des Stroms, um es zum Gedenken an die anonymen Opfer des Donaustroms den Fluten zu übergeben. Ob es eines der Flöße ins Schwarze Meer geschafft hat, konnte nicht eruiert werden.

Robert Sommer



INFO-BOX

Gerald Grassl:
Von Albern bis Zentral. Sagen und Geschichten Simmerings“
Band 1, edition tarantel.
Bezugsquellen: Bestellung beim Autor unter
tarantel-wien@gmx.at,
oder in der Buchhandlung Laaber
1030 Wien, Landstraßer Hauptstr. 33
http://www.buchlaaber.at/

Zentralfriedhof:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Zentralfriedhof
http://www.wien-konkret.at/soziales/friedhof/zentralfriedhof/

Friedhof der Namenlosen:
http://friedhof-der-namenlosen.at/

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Zentralfriedhof

Der Wiener Zentralfriedhof, größter und bedeutendster Friedhof Wiens, ist kein historisch gewachsener Friedhof. Er wurde um 1870 von den Gartenarchitekten Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli geplant und 1874 eröffnet. Die Begräbnisstätte für alle Konfessionen löste damals politische Diskussionen über seine Einweihung aus. Heute ist der Zentralfriedhof die letzte Ruhestätte für Menschen aller Religionen, aber auch eine Wiener „Sehenswürdigkeit“. Ein Spaziergang durch den Friedhof bietet für BesucherInnen eine Auswahl künstlerisch bedeutender Grabstätten, darüber hinaus stellt die Parklandschaft mit beeindruckender Flora und Fauna auch einen Ort der Erholung und Besinnung dar. Im Rahmen der „Wiener Spaziergänge“ werden auch Führungen angeboten zu den berühmtesten Ehrengräbern, zur größten Jugendstilkirche Wiens, oder zu den stimmungsvollen Ruhestätten der verschiedenen Konfessionen. http://www.wiensehen.at/zentralfriedhof/

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Der Leberberg hatte lange Zeit einen schlechten Ruf – als Stadterweiterungsgebiet mit hoher Dichte und schlechter Verkehrsanbindung. Mit verschiedenen Integrations, Kultur- und Stadtteilprojekten hat die Stadt versucht, hier gegen zu lenken. Kindertagesheime, Jugendzentren oder der Wasserspielplatz bieten Angebote für Kinder und Jugendliche.
In einer Kooperation von drei Simmeringer Institutionen –Jura Soyfer Gesellschaft, VHS Leberberg und Bücherei am Leberberg – wurde im Herbst 2013 das Jura Soyfer Zentrum am Leberberg eröffnet. Ziel des Projekts ist es, dass die Menschen des Stadtteils für Leben und Werk Jura Soyfers interessiert werden sollen. Veranstaltungen und Workshops, aber auch Kooperationen mit Schulen und Jugendzentren setzen sich mit Leben und Werk des revolutionären Wiener Schriftstellers Jura Soyfer auseinander, der «unser Bert Brecht» hätte werden können, wenn er das Nazi-Konzentrationslager überlebt hätte. http://www.soyfer.at/

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Im Hafen Albern, einem von fünf Standorten der Wiener-Hafen-Gruppe, werden Baustoffe, landwirtschaftliche Produkte und Stahlerzeugnisse umgeschlagen. Mit seinen fünf großen Getreidespeichern zählt er zu den wichtigsten Standorten für den Getreide-Umschlag im Osten Österreichs.
Gleich beim Alberner Hafen, dort wo das Auwald- und Wiesengebiet an den Hafen grenzt, befindet sich der Friedhof der Namenlosen. Er ist nur durch das wenig malerische Areal des Hafens zugänglich. Hier sind Menschen begraben, die im Zeitraum von 1845 bis 1940 im Hafenbereich von der Donau angeschwemmt worden sind. Nach offiziellen Quellen fand die letzte Beerdigung im Jahr 1940 statt. Der stillgelegte Friedhof der Namenlosen wird heute vom Hafen Wien sowie der Stadt Wien erhalten. http://friedhof-der-namenlosen.at/
 

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Macondo: So heißt der fiktive Handlungsort von Gabriel García Márquez’ Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Macondo ist aber auch eine ganz und gar Simmeringer Realität. Flüchtlinge aus Lateinamerika haben den Namen in den Siebzigerjahren über den Atlantik gebracht – als Bezeichnung für ihren Wiener Zufluchtsort: das Gelände einer ehemaligen k. u. k. Kaserne am äußersten Ostrand von Wien. Dort freilich waren sie keineswegs die Ersten, die Ruhe vor politischer Verfolgung suchten: Die späte Karriere des Habsburger-Gemäuers als Flüchtlingsquartier hatte schon mit dem Ungarnaufstand 1956 begonnen. Seither hat sich auf den fünf Hektaren eine ganze Welt versammelt: Tschechen und Chilenen, Vietnamesen und Nigerianer, Bosnier, Tschetschenen, zuletzt vor allem Somalier – mit allen Widersprüchen, Widerständen, Problemen, aber auch allen Potenzialen, die sich in solcher Gemengelage denken lassen.

Der Journalist Wolfgang Freitag hat für sein Buch „Zu den Schattenorten von Wien“, erschienen im Metroverlag,  das Gelände erkundet und beschrieben. http://www.metroverlag.at/content/zu-den-schattenorten-von-wien
 

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Die Gasometer in Wien Simmering sind ein interessantes Objekt Wiener Industriearchitektur. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde entlang der Erdberger und Simmeringer Lände das Wiener Städtische Gas- und Elektrizitätswerk errichtet, bis 1975 war es in Betrieb. Vier ehemalige Gasbehälter aus dem Jahr 1896, in der Fassade noch erhalten und denkmalgeschützt, wurden nach der Milleniumswende von vier Stararchitekten umgebaut, unter dem Namen Gasometer neu eröffnet und von der Politik als Initialzündung für die Urbanisierung des Südostens von Wien propagiert. Dem Trend der Zeit entsprechend verwandelte dieses stadtplanerische Großprojekt die ehemalige und unter Denkmalschutz stehende Industriearchitektur in einen Komplex mit Wohnungen, Büros, Gastronomieflächen, Shopping Mall und Entertainment Center. Doch nur wenige Jahre später zeigte sich in der Gasometer City ein Bild der Krise wie kaum in einem anderen Immobilienprojekt in Wien. Viele Geschäfte oder Restaurants standen leer oder waren von Schließung bedroht. Die Stadt versucht seither mit neuen Initiativen hier Anreize und „Wieder-Belebungsversuche“ zu starten, bspw. durch Ansiedlung der Pop-Akademie 2012. http://www.gasometer.at/de/architektur

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Mitten in Simmering befindet sich eine der bemerkenswertesten Renaissanceanlagen Europas: das Schloss Neugebäude. Angeblich soll hier Sultan Süleyman während der ersten Türkenbelagerung Wiens sein Heerlager aufgeschlagen haben. Bauherr war Maximilian II., der im Gegensatz zum "alten" Schloss Kaiserebersdorf ein neues Schloss, das "Neugebäude" errichten wollte, erstmals urkundlich erwähnt im Oktober 1573 als das "neue Gepews". Seit 1909 steht das Neugebäude im Besitz der Stadt Wien. Während des 2. Weltkriegs musste es der Rüstungsindustrie dienen, und nach Auszug des Rüstungskonzerns der Saurerwerke geriet das Schloss in Vergessenheit. Erst 2001 wurde, vom Wiener Gemeinderat einstimmig beschlossen, ein „Verein zur Erhaltung und Revitalisierung des Schlosses“ gegründet, der das Neugebäude heute mit Veranstaltungen, Events und Openair Sommerkino auch wieder für die Öffentlichkeit zugänglich macht. http://www.schlossneugebaeude.at/

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Hörbuch

Flanerien konkret

Derzeit gibt es keine aktuellen Termine für Stadtführungen im 11. Bezirk. Infos zu aktuellen StadFLANERIEN des Aktionsradius Wien unter office@aktionsradius.at.